Wenn Gestalten aus Liedern plötzlich lebendig werden
Dienstag, den 18. Oktober 2011

Schwäbische Zeitung

Der Liederkranz Ochsenhausen mit der Solistin Alexandra Schmid hauchte im ausverkauften Konzert 14 Liedern ein neues Leben ein.

Walter Gropper und sein Liederkranz – ein stattlicher Chor mit etwa 50 Sängern – haben ihren „Fan-Club“  begeistert. Um bekannte und eher unbekannte „Menschen aus hohem und niederem Stand“ vorzustellen, hat man 14 passende Lieder ausgesucht, bestens einstudiert und dann diesen besungenen Gestalten Leben eingehaucht.

Silcher in Platt
Sie stellten sich im ausverkauften Konzert im Ochsenhauser Bibliotheksaal, stilsicher gewandet, selbst vor, und Max Hadwiger, elegant im Frack, führte souverän durch das Programm. Hier erfuhen die erstaunten Zuhörer gleich, dass das „Ännchen von Tharau“ in den Wirren des 30-jährigen Krieges gleich mehrfach zur Pfarrerswitwe wurde und wie das Silcher-Lied im niederdeutschen Platt klingt.
Alexandra Schmid mit ihrer gereiften, ausdrucksvollen Altstimme hatte mehrere traurige Mädchenschicksale zu besingen. Der bildhübschen „Soldatenbraut“ und der reizenden „Roten Hanne“, die mit bewegenden Worten ihre Not schilderten, hat Robert Schumann wunderschöne traurige Melodien gewidmet, vom Chor lebhaft aufgenommen, am Flügel meisterhaft begleitet von Juliane Durach. Noch verzweifelter klang das Lied des „verlassenen Mägdleins“ (Hugo Wolf), das ganz in Weiß, barfuß und mit einer Kerze in der Hand auf dem Stuhl vor dem Flügel ganz trostlos schien.
Mehrmals wurde ein König besungen, von dem aber nur eine schmucklose Krone auf dem Podest zu sehen war. Eine hochdramatische Ballade stammt von Hugo Distler. „Die traurige Krönung“ wurde expressiv verbis gesungen, und der blasse Knabe, um dessen Leben es ging, saß schüchtern auf dem Stuhl.
Sein jüngerer Bruder verkörperte das fiebernde Kind im „Erlkönig“. Walter Gropper hat zur Vertonung von Hofkapellmeister Reichardt einen Chorsatz geschrieben, der die Geisterstimmen von den Frauen singen ließ, den Vater von den Männern und das Kind von allen. Gut geglückt war Groppers Chorsatz zu Carl Loewes „Graf Eberstein“ mit lebhaft wechselnden Stimmen.
Beethovens „Flohlied“, bei dem das Klavier die Flöhe hoch hüpfen ließ, erklang im neuen Satz geradezu herzerfrischend. Sehr schön und ebenfalls neu „Die beiden Königskinder“, bei denen sich die Stimmgruppen gegenseitig begleiteten: Es war spitze.

Goethe-Text aus dem Off
„Die Bernauerin“ wurde von Frauenstimmen besungen (Brahms), während die Männer vom „alten Barbarossa“ sangen und bei Gretchens Lied vom „König in Thule“ (Silcher) Alexandra Schmid choristisch begleiteten. Zu Schumanns Klaviergedanken über „Mignon“ wurde der Goethe-Text sehr ausdrucksvoll aus dem Off gesprochen.
Passend zum Geläut der Abendglocken beschloss der Liederkranz sein ebenso unterhaltsames Konzert mit „Scholastika“ von Carl Loewe, schlicht gesungen von der jungen Altistin. Der Chor attestierte prächtig, geradezu in Händel-Manier, und die Pianistin ließ das Unwetter auf dem Flügel hochdramatisch toben.
Nach begeistertem Beifall bedankten sich die Akteure stilecht mit „Viva la musica“.
Jutta Ronellenfitsch